Eine greifbare Dystopie: Menschliche Roboter  

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Verzichten wir auf den freien Willen – zugunsten eines perfektionierten Körpers?

Schnittstellen zwischen Mensch und Maschinen sind heute schon Wirklichkeit. Auch die totale Steuerung des menschlichen Körpers wäre machbar.

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Menschliche Roboter? Damit meine ich nicht „Humanoide Roboter“, deren Bauform der Anatomie des Menschen nachempfunden ist. Ich spreche hier tatsächlich von Menschen, die buchstäblich zu Robotern werden, weil sie die Kontrolle über ihren Körper, ihre Gefühle und ihre Entscheidungen abgegeben haben. Was nach ferner Science-Fiction klingt, könnte schon bald Realität werden, wenn wir nicht achtsam sind.

Die Entwicklung geht zu schnell für unsere Meinungsbildungssysteme.

So wie viele Ingenieure suchen auch wir bei Neura nach Inspiration und Funktionsvorlagen in der Natur. Und die perfekte Vorlage für ein Entwicklungsprojekt wie unseren humanoiden Roboter 4NE-1 ist natürlich der Mensch. Das perfekte Zusammenspiel von Sinnesorganen, Nervenbahnen und dem Gehirn – wo verarbeitet, entschieden und gelernt wird – ist bewundernswert. Unser 4NE-1 Team will von dieser perfekten Vorlage natürlich lernen, um Sensorik, Datenübertragung und Entscheidungsprozesse für unsere mechanischen Roboter zu perfektionieren. Mit einigen Sensoren am Kopf eines Menschen ist es relativ einfach, die sogenannten Hirnströme zu messen, die bei bestimmten Muskelbewegungen, Gedanken und Ereignissen fließen. Die anfallenden Datenmengen sind enorm. Doch mit Hilfe von KI lassen sich die vielen Informationen heute relativ schnell analysieren. Nach kurzer Zeit gelang es uns, duale Polaritäten zu erkennen. Einfach gesagt: Wir konnten Ja von Nein unterscheiden, Rechts von Links oder Positiv von Negativ. Zu jeder Bewegung eines Muskels, zu jedem Gedanken gibt es ein passendes elektrisches Muster. (Verzeiht mir, wenn das neurowissenschaftlich nicht ganz korrekt formuliert ist. Es geht mir hier nur ums Prinzip.) Alle waren ziemlich begeistert von den Erkenntnissen, die wir für die Robotikforschung ableiten konnten.

Doch in mir hat das noch einen anderen Gedanken ausgelöst: Wenn wir messen und auslesen können, wie einzelne Muskelbewegungen, Entscheidungen und Emotionen mit bestimmten elektrischen Impulsen zusammenhängen, die das Gehirn sendet, dann wird mit Sicherheit  irgendwo auf dieser Welt bereits daran geforscht, ob man diese Informationen auch ins Gehirn hineinsenden kann – oder direkt an die entsprechenden Muskeln. Wir waren in der Lage, mit Computern das menschliche Genom zu entschlüsseln – unvorstellbare Datenmengen mit schier unendlichen Kombinationsmöglichkeiten! Also ist es mit KI auch möglich, die Hirnströme und elektrischen Impulse zu entschlüsseln, die den menschlichen Körper steuern oder zur Ausschüttung bestimmter Hormone führen. Und wer diese Informationen aus dem Gehirn „auslesen“ kann, kann sie mit den heutigen technischen Möglichkeiten auch „hineinsenden“. Leider muss ich da als Bespiel mal wieder Elon Musk bemühen:

Es ist gerade fünf oder sechs Jahre her, dass er im Podcast von Joe Rogan philosophierte, ob Menschen durch die direkte Verbindung zwischen Gehirn und Maschine zum Avatar einer höheren Intelligenz werden. Kurz darauf gründete er sein Unternehmen Neuralink, mit dem Ziel, ein Brain-Computer-Interface zu bauen. Und schon im Januar 2024 verkündete Elon Musk stolz über X: „Der erste Mensch hat gestern ein Implantat erhalten und erholt sich gut.“

Noch Fragen?

Das Gehirn ließe sich per Knopfdruck in den Ruhezustand versetzen.

Wie so oft in der Geschichte tun wir Dinge ohne jegliche Demut gegenüber Natur und Schöpfung, und ohne uns zu fragen, ob wir es tun sollten. Und zugleich geht alles immer schneller und wir nehmen uns keine Zeit mehr, Antworten auf die immer komplexeren ethischen Fragen zu finden. Wenn wir denn überhaupt die Zeit haben, solche Fragen zu stellen! Ich stelle die Frage, ob irgendwo gerade Menschen daran arbeiten, dem Menschen den freien Willen zu entziehen.

Experimente, die der Neurophysiologe Benjamin Libet bereits in den 80er Jahren durchführte, zeigten deutlich, dass ein Großteil unserer Handlungen im Unterbewusstsein vorbereitet und ausgelöst werden. Die Big-Data Konzerne unserer Zeit sind ja unter anderem deshalb für die Aktionäre so wertvoll, weil dort immense Datenmengen über das Verhalten und die Interessen von Menschen gesammelt werden. Das Ergebnis der Interpretation und Auswertung dieser Daten erleben wir heute täglich, wenn Algorithmen uns personalisierte Werbung, persönliche Playlists oder neue Freunde vorschlagen. Die Vorteile überwiegen scheinbar: Das Leben wird einfacher. Die AGB von Apple, Amazon, Google oder Meta klicken wir weg, um kurz darauf unsere Onlineaktivitäten, Adressbücher und private Fotoalben mit diesen sogenannten Datenkraken zu teilen.

Und auch zu unseren Körpern hat Big-Data bereits Zugang: Wir tragen Smartwatches mit Biosensoren, die unsere Pulsfrequenz messen, Schritte zählen und den Schlaf analysieren. Datenschützer warnen längst nicht mehr vor dem gläsernen Kunden, sondern vor dem gläsernen Menschen. Die Warnungen verhallen weitgehend ungehört. Niemand weiß wirklich, wie viele unserer Entscheidungen wir bereits heute fremdbestimmt treffen, weil uns Werbung, Meinungsblasen und Gruppendynamik unterbewusst darauf programmieren.

Es ist zu erwarten, dass die nächste „Ausbaustufe“ zunächst sehr positiv daher kommt: Gedankenkraft steuert einen Rollstuhl oder eine Prothese. Menschen mit psychischen Erkrankungen, z.B. schweren Depressionen erfahren durch einen Chip im Gehirn Linderung, ohne die ungewünschten Nebenwirkungen von Psychopharmaka. Aber was für Menschen mit Krankheiten und Limitierungen gedacht ist, wird das Interesse der breiten Masse wecken. Schließlich haben viele von uns den Wunsch zur Selbstoptimierung. Wer würde nicht seine Leistungsfähigkeit durch die richtigen elektrischen Impulse erhöhen oder dank optimierter Lernfähigkeit gegen KI konkurrieren wollen. Schlaflosigkeit ließe sich auf Knopfdruck beheben und das Gehirn in den „Ruhezustand“ versetzen. Und spätestens wenn die Sex-Industrie einen Weg findet, per Chip im Gehirn den Orgasmus zu stimulieren, wäre der Durchbruch geschafft. All diese wunderbaren Vorteile gäbe es nicht durch Pillen, die wir bewusst einnehmen, sondern durch einen Chip im Kopf, der eine Schnittstelle zum Internet hat – und somit auch gehackt werden kann!

Wenn bereits die bloße Analyse unseres Online-Klickverhaltens genug Daten liefert, um unsere Entscheidungen im Unterbewusstsein in eine bestimmte Richtung zu lenken – wieviel bleibt dann noch von unserem freien Willen übrig, wenn wir erst über einen Chip im Gehirn unsere Stimmungen preisgeben und andersherum sogar stimulieren und gestalten (lassen) können? Dann kann elektrisch getriggerte Euphorie einen Kaufrausch auslösen – während künstlich erzeugte Entspannung den Menschen „hilft“, politische Entwicklungen zu akzeptieren, gegen die sie sonst protestiert hätten.

Wir müssen uns mehr Zeit nehmen, diese Dinge zu reflektieren und zu diskutieren.

Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Und ich wäre der letzte Mensch, der Fortschritt aufhalten will. Wer mich kennt, weiß, dass ich Technologie-Fan bin und die Vision habe, mit technischen Entwicklungen, KI und Robotik, das Leben für viele Menschen zu verbessern.

Werner Heisenberg, einer der bedeutendsten Physiker des vergangenen Jahrhunderts, sagte einmal: „Ein Schluck aus dem Becher der Wissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grunde des Bechers findet sich Gott“. Heisenberg verstarb 1976 und erkannte schon angesichts der Entwicklungen der damaligen Zeit, dass es Dinge gibt, denen wir Menschen mit Demut begegnen sollten.

Doch von dieser Demut sind wir heute weit entfernt. Ich würde mich freuen, mit diesem Beitrag  einen Anfang gemacht zu haben.

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