Sind wir wirklich Betonköpfe?

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Wir Deutschen rühmen uns seit Jahrzehnten mit Sicherheitsdenken und Bodenständigkeit. Ich nenne das: Angst vor Veränderung.

Deutschland knüpft seinen wirtschaftlichen Erfolg an die Lage der Old Economy. Wann durchbrechen wir diese „Denke“?

Betonkopf_Portrait

Wie könnte man Angst vor Zukunft und Veränderung schöner umschreiben als mit Worten wie „Sicherheitsdenken“ und „Bodenständigkeit“. Und was ist sicherer als Beton? Deutsche lieben Beton! Zumindest dreht sich bei uns alles um’s Bauen. Das Bauhandwerk war über Jahre komplett ausgebucht. Wir hatten ein regelrechtes „Baumania“ wegen der niedrigen Zinsen. Logischerweise wurde Bauen auch immer teurer. Und dann wurde auch noch das Material knapp – und machte alles noch teurer. Es entstanden Begriffe wie „Bauflation“. Und nun heißt es, wir müssen die Baubranche subventionieren.

Wieso koppeln wir unsere Wahrnehmung von Wachstum, Zukunft und Erfolg in Deutschland so stark an die Baubranche? Wir setzen Wirtschaftswachstum mit Bauboom gleich. Aber ist das wirklich die richtige Verknüpfung im Kopf? Warum investieren wir nicht viel öfter in Ideen? In schlaue Köpfe oder scheinbar verrückte Erfinder, die vielleicht kein Büro in einem schicken Gründerzentrum brauchen, sondern einfach ein bis zwei Jahre finanzielle Absicherung, während sie in einer Garage am nächsten großen Ding basteln? Vielleicht haben wir keine Angst davor, dass sie scheitern und das Geld futsch ist. Vielleicht sorgen wir uns vielmehr darum, was passiert, wenn sie in ihrer Garage erfolgreich sind?

Ist Cyber Valley wirklich innovativ?

Genau so das ist im Silicon Valley passiert, ganz am Anfang. Der Erfindergeist stand im Mittelpunkt, und Firmensitz war häufig die sprichwörtliche Garage. Und wie steht der Hightech-Standort heute da? Er ist der bedeutendste der Welt – fast alle wichtigen amerikanischen IT-Unternehmen sind dort ansässig! Aber in Deutschland wird gern das Pferd von hinten aufgezäumt. Ein Beispiel dafür ist „Cyber Valley“. Baden-Württemberg hat ca. 60 Millionen Euro in den Neubau auf dem Campus der Universität Tübingen investiert. Dann sollte dort noch ein neuer KI-Campus entstehen. Bosch wollte 100 Millionen investieren. Geplant war ein Areal für etwa 700 Experten zum Thema Künstliche Intelligenz. Am Ende zog sich das Unternehmen zurück, woraufhin der Tübinger Bürgermeister Boris Palmer die Firma Bosch mit öffentlichen Geldern zurücklocken wollte. Zum Glück hat es nicht geklappt! Was für eine Verschwendung von Steuergeld wäre das gewesen! Wenn Bosch selbst nicht an das Vorhaben glaubt, kann auch Steuergeld keinen Erfolg bringen. Vielleicht hat man auch bei Bosch erkannt, dass weder Investitionen in futuristische Gebäude noch in großflächige KI-Areale den Standort Deutschland retten, sondern einzig Investitionen in kluge Köpfe mit innovativen Ideen!
Die kommen allerdings selten aus der Politik oder der Old Economy. Bis auf Amazon haben ja alle Wirtschaftspartner im Cyber Valley zwischen 50 und 100 Jahre auf dem Buckel. Neben Bosch sind das zum Beispiel BMW, Mercedes und Porsche. So viele Firmen aus der Automobilindustrie – da kann man sich schon vorstellen, in welche Zukunftsprojekte vor allem investiert wird! Dabei hat Deutschland so viel mehr zu bieten als die Baubranche oder die Autoindustrie. Das müssen wir erkennen, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Ein altes Unternehmersprichwort sagt: Wer nicht mit der Zeit geht, der geht – mit der Zeit!

Sind wir Deutschen Angsthasen?

Natürlich bevorzuge ich Utopien und will hier keine Untergangsstimmung verbreiten, aber manchmal muss man eben Klartext schreiben. Wer mich kennt, weiß auch schon, worauf ich eigentlich hinaus will. Ich frage mich nämlich, ob eine Gesellschaft ohne signifikante Investitionen in gute Ideen, Wissen, Forschung und Bildung überhaupt zukunftsfähig ist? Es gibt so viele Bereiche, in denen wir findige Köpfe brauchen. Bleiben wir gern mal beim Beispiel Mobilität, als gewachsener Autostandort. Selbst da fahren wir China und den USA längst hinterher. In San Francisco kann ich inzwischen in einer halben Stunde drei bis fünf fahrerlose Taxis beobachten. Das passiert in keiner deutschen Großstadt. In den USA und China probiert man Technik aus und lernt daraus. Bei uns bremsen gesetzliche und vor allem finanzielle Hindernisse.

Woher kommt in Deutschland diese Angst vor dem Neuen, dem Unbekannten? Ja, auch Neura Robotics muss hin und wieder die Frage beantworten, ob wir uns mit visionären Projekten wie MiPA, dem Mehrzweck Serviceroboter, oder unserem humanoiden Roboter 4NE1 nicht verzetteln. Es gäbe ja genug Bedarf für industrielle Anwendungen im Hier und Jetzt. Ein typisch-deutscher Appell an die Bodenständigkeit! Natürlich könnten wir uns auf den – weltweit – riesigen Bedarf an leistungsfähigen kollaborativen Robotern stürzen. Aber wäre das nachhaltig? In ein paar Jahren werden Roboter eine völlig neue Bedeutung im täglichen Leben außerhalb der Industrie bekommen. Dafür werden multitalentierte, flexible Robotik-Plattformen gebraucht, denen man alles Mögliche beibringen kann. Wollen wir wirklich abwarten, bis dieses nächste große Ding, ein Smartphone mit Armen und Beinen, das den Müll rausbringen kann, aus den USA oder aus China kommt? Nein, wollen wir nicht!

InterAlpen gibt Neura 15 Millionen

Ich will auch nicht verschweigen, dass es uns mit Neura Robotics ja gelungen ist, europäische und deutsche Investoren zu finden, die unsere Visionen massiv unterstützen. Und ich bin sehr dankbar, eine wunderbare Ausnahme von der Regel zu erleben, die ich kritisiere. Doch im Laufe unserer letzten Finanzierungsrunde konnte ich tiefe Einblicke in die sehr unterschiedliche Denkweise von deutschen und beispielsweise amerikanischen Investoren gewinnen. Und auch meine Erlebnisse mit politischen und öffentlichen Institutionen waren, sagen wir mal, sehr durchwachsen. Deshalb freut es mich besonders, dass die US-Firma InterAlpen Partners nun 15 Millionen Euro in Neura investiert hat. InterAlpen-Gründer Stephen George war einer der Gründungspartner von Capricorn. Dort investierte er früh in Unternehmen wie Tesla, Epic Systems, SpaceX und Twitter, die später zu Weltmarktführern wurden. Ich werte das mal ganz unbescheiden als gutes Zeichen, dass wir bei NEURA Robotics auf dem richtigen Weg sind.

Es kann also aufwärts gehen, wir müssen uns nur trauen. Die tiefe Sehnsucht nach Sicherheit und Stabilität hat uns Deutschen zweifellos lange Zeit Erfolg beschert – doch der ist nicht in Beton gegossen! Ich glaube, dass wir durch eine verstärkte Förderung von utopischen und manchmal vielleicht unvorstellbaren Ideen den Standort Deutschland nicht nur am Laufen halten, sondern wieder richtig beliebt und begehrenswert machen können – sowohl für internationale Investoren als auch für qualifizierte Arbeitskräfte aus aller Welt. Vielleicht kommen sogar ein paar kluge Köpfe, die Deutschland mangels Perspektive verlassen haben, wieder zurück? Es lohnt sich mit Sicherheit, mehr auf unsere Softskills zu setzen. Und wenn wir unbedingt die Baubranche fördern wollen, dann bitte mit einer riesigen Sanierungs-Offensive für Schulen, Hochschulen und Universitäten. Das wäre mal ein zielführender politischer Kompromiss.