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Wem nützt KI-Angst?

Europa darf seine Aufholchancen bei KI nicht nach den Wünschen der US-Marktführer begrenzen

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Tempolimit für KI-Wettbewerb?

Der Traum eines jeden Rennfahrers: Man fährt mit Vollgas voraus und ruft dann nach einer Geschwindigkeitsbegrenzung für die Nachfolgenden. So war mein erster Gedanke, als die Warnungen führender amerikanischer KI-Unternehmen durch die Nachrichten gingen. Fast überall drehte sich die Berichterstattung um den möglichen Kontrollverlust bei KI und die Frage, wie gefährlich uns diese Systeme bald werden. Natürlich sind viele der beschriebenen Risiken real und man muss darüber offen sprechen. Aber in den letzten Wochen wurde da ein regelrechter Angst-Hype gebaut. Deshalb wage ich einen kritischen Blick auf die Quelle der Warnungen und deren Interessenlage. Was sind die Folgen für Europa, das bei KI noch massiv aufholen muss, wenn ausgerechnet die Unternehmen an der Spitze jetzt ein langsameres Tempo und neue Regeln verlangen?

Erfreulicherweise ist diese Fragestellung inzwischen auch Teil der öffentlichen Debatte. Der deutsche Schriftsteller und Philosoph Richard David Precht formulierte bei Lanz & Precht recht deutlich ein Unbehagen, wenn führende Unternehmen beginnen, „jetzt auch noch als Regulatoren aufzutreten“, um die „verbindlichen Spielregeln für die anderen festzulegen“. Das Handelsblatt erkannte eine gewisse „Doppelmoral“ und die Welt unterstellt sogar: „KI-Horror als Strategie?“

Wer die Regeln schreibt, schützt seinen Vorsprung

OpenAI forderte im September verpflichtende nationale Sicherheitsvorgaben, gemeinsame Standards und Regeln für den Fall, dass die Entwicklung verlangsamt oder gestoppt werden muss. Kleinere Entwickler und offene Modelle sollen dadurch allerdings nicht ausgebremst werden, heißt es. Klingt fair. Aber wie soll das funktionieren, wenn dieselben Nachweise, die einen Konzern kaum belasten, bei einem Start-up das hart erkämpfte Wachstumskapital aufzehren?

Bei Dario Amodei steht das strategische Interesse sogar klar im Text. Eine koordinierte Verlangsamung soll den führenden KI-Entwicklern Zeit verschaffen, schreibt er, „without sacrificing commercial advantage or the United States’ lead in AI“. Sie soll also die Entwicklung bremsen, ohne den kommerziellen Vorteil der Unternehmen oder den amerikanischen KI-Vorsprung zu gefährden.

In Europa dürfen wir deshalb nicht naiv sein. Angst ist nie ein guter Ratgeber. Betrachten wir das also völlig nüchtern: Die heutigen Marktführer konnten ihre internationale Vormachtstellung in einem nahezu regelfreien Kosmos aufbauen. Und die EU hat mit dem AI Act bereits ein erheblich umfangreicheres Sicherheitsnetz geschaffen als die USA oder China. Das wirkt im internationalen Vergleich bereits jetzt als Bremse für hiesige Unternehmen.

Jetzt schüren die großen KI-Unternehmer also Angst und wollen zugleich die Regeln für die nächste Etappe mitschreiben?

Diese Kombination sollte man gerade in Deutschland kennen. In den 1980er-Jahren drängte die Bundesregierung auf europäische Regeln bei Abgasnormen. Die führenden deutschen Hersteller hatten bereits kräftig in Katalysatortechnik investiert. Für die weniger gut vorbereiteten Wettbewerber bedeuteten die deutschen Forderungen damals teuren Nachholbedarf. Das fiel auch in Brüssel auf: Industriekommissar Karl-Heinz Narjes sah damals in der Kombination aus Katalysatoranforderungen und deutscher Steuerförderung einen ungerechtfertigten Vorteil für die deutsche Industrie.

Natürlich prägen auch meine Interessen als Gründer von NEURA Robotics meine Gedanken zu diesem Thema. KI ist für uns elementar, denn sie macht den Unterschied zwischen herkömmlicher Automation und kognitiver Robotik, die eigenständig und vorausschauend handeln kann.

Bei unseren Produkten müssen Wahrnehmung, KI-Modelle und Mechanik so zusammenspielen, dass Menschen an ihrer Seite sicher sind, auch wenn etwas nicht nach Plan läuft. Diese Sicherheit muss im Produkt stecken: in Sensoren und Motoren, in Modellen und ihren Grundregeln. Wir betrachten sie als Teil unserer eigenen Verantwortung und unseres unternehmerischen Interesses. Denn nur sichere Produkte werden und bleiben erfolgreich. Ein Regelwerk kann die Verantwortung eines Herstellers nicht ersetzen.

Wie gut Verantwortungsgefühl und unternehmerisches Interesse zusammenspielen können, zeigte Volvo vor Jahrzehnten: Der Ingenieur Nils Bohlin entwickelte 1959 den modernen Dreipunktgurt, und Volvo gab das Patent international zur freien Nutzung frei. Volvo gewann damit ein bis heute wirksames Sicherheitsimage, gerade weil das Unternehmen keine Patentgebühren verlangte und andere Hersteller und deren Kunden davon profitierten.

Da ich davon ausgehe, dass auch die großen KI-Unternehmen in den USA schon aus Eigeninteresse verantwortungsbewusst arbeiten, interessiert mich also vor allem der strategische Gedanke hinter ihren Äußerungen.

Europa darf nicht gegen sich selbst regulieren

Machen wir nochmal einen Schritt zurück: Der EU AI Act wurde lange vor den jüngsten amerikanischen Forderungen beschlossen. Die EU-Marktregeln treffen im internationalen Vergleich auf eine US-Politik, die Infrastruktur, Entwicklung und Anwendung beschleunigt. Ein amerikanischer Erlass vom Juni setzt bei Frontier-Modellen auf einen freiwilligen Rahmen und schließt verpflichtende staatliche Genehmigungen aus.

Wir haben also bereits eine klare Schieflage im internationalen Wettbewerb. Während ihre Regierung zu Hause das Tempo erhöht, werben US-Marktführer international für mehr Regeln und Aufsicht.

Europa ist ja durchaus dafür bekannt, Warnungen und potenzielle Risiken schnellstmöglich in bürokratische Hürden zu übersetzen. Wenn wir uns nun auch vom KI-Angst-Hype der US-Marktführer anstecken lassen, betreiben wir unter dem Etikett der Sicherheit eine Industriepolitik gegen uns selbst. Multinationale Tech-Konzerne können hohe Prüf- und Regulierungskosten oder selbst Strafzahlungen auf Milliardenumsätze verteilen. Ein Start-up bezahlt sie aus der nächsten Finanzierungsrunde. Das Geld fehlt dann für die Entwicklung und den Markteintritt. Gibt es zu wenige zugelassene Prüfstellen, wird auch die Wartezeit zur Hürde. Und wenn internationale Maßstäbe aus den Architekturen der Marktführer heraus definiert werden, sehen andere Ansätze schnell wie riskante Abweichungen aus.

Ich fordere seit der Gründung von NEURA Robotics, die Auswirkungen von KI auf unsere Gesellschaft und unsere Sicherheit konstruktiv in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Doch leider driftet die Debatte auch bei sozialen Themen häufig ungebremst in Richtung Sorge. Das müssen wir ändern. Unser Motor muss wieder die Lust auf sichere Technologie werden! Europa kann Sicherheitsziele festlegen und unterschiedliche technische Wege dorthin zulassen. Nachweise müssen auch für kleinere Anbieter problemlos erreichbar sein und für bestehende Systeme ebenso gelten wie für neue. Gleichzeitig müssen wir unserer eigenen, gewachsenen Sicherheitskultur und unseren Unternehmen mehr zutrauen. In den Labs weltweit entsteht heute ohnehin längst Technik, an deren Regeln die Behörden noch gar nicht arbeiten können, weil sie nichts davon ahnen.

Wir kennen den Preis der Abhängigkeit

Wirklich ein Grund zur Sorge ist aus meiner Sicht, dass uns zu viel Regulierung unbeabsichtigt in neue Abhängigkeiten manövriert. Wie teuer technologisches Zögern ist, erleben wir seit den 2000er-Jahren wieder und wieder. Europa unterschätzte dramatisch, wie digitale Plattformen Handel und Öffentlichkeit verändern würden. Heute bezeichnet das Bundeskartellamt Amazon als zentralen Zugang zum Onlinehandel. Seine Regeln und Algorithmen beeinflussen den Geschäftserfolg unzähliger Unternehmen. Bei YouTube untersucht die EU-Kommission, wie Empfehlungssysteme gesellschaftliche Debatten und Wahlen prägen können.

Die genannten Unternehmen haben mit ihren Angeboten den Zeitgeist getroffen, sind große Risiken eingegangen und haben ihren Erfolg verdient. Europa hat sich sein Hinterherhinken allerdings ebenfalls verdient. Wir sind erst so richtig aufgewacht, als die Märkte längst verteilt waren. Spätere Regeln trafen junge Anbieter dann oft härter als die etablierten Konzerne. Untersuchungen zur Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) belegen einen Rückgang der Investitionen in europäische Technologieunternehmen und weniger neue Apps aus Europa.

Genau dieser Fehler darf sich bei künstlicher Intelligenz nicht wiederholen. Monopole entstehen, wenn andere zögern oder an Eintrittshürden scheitern. Und dann bestimmen am Ende wieder andere, wer Zugang zu Modellen und Infrastruktur bekommt, was dieser Zugang kostet und welche Standards gelten. Unsere KI-Vision darf nicht darin bestehen, in einigen Jahren die Marktmacht anderer zu begrenzen.

Wir können KI für uns sinnvoll nutzen. Dafür müssen wir in Europa handlungsfähig bleiben. Mit Vorsicht, aber ohne Angst.