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Wir müssen Europas Kräfte defragmentieren.

Physical AI ist die nächste industrielle Revolution und sie kann von Europa angeführt werden. Dafür müssen wir uns verbinden, einen Markt schaffen und endlich ins Handeln kommen

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Vor einigen Tagen saß ich in Évian mit führenden Unternehmerinnen und Unternehmern aus Frankreich und Deutschland zusammen. Auch Präsident Macron war dabei, und über den Gesprächen lag die Frage: Was muss Europa tun, um bei KI und Robotik führend zu sein?

Meine Antwort war dieselbe, die ich seit der Gründung von NEURA Robotics im Jahr 2019 gebe: Europa muss seine Stärken erkennen, sie vernetzen, einen eigenen Markt schaffen und sehr viel schneller ins Handeln kommen. Die nächste KI-Welle, Physical AI, ist Europas große Chance, weil sie eine Vielzahl industrieller Fähigkeiten voraussetzt, die quer durch die gesamte Europäische Union stark etabliert sind. Wir müssen diese Fragmente jetzt zu einem System verbinden. Dann werden wir Physical AI nicht aus anderen Weltregionen importieren müssen, sondern hier souverän und nach unseren Werten gestalten.

Die nächste KI-Welle bekommt einen Körper

Die erste Welle der künstlichen Intelligenz hat Maschinen beigebracht, Sprache und damit Informationen zu verstehen und zu erzeugen. Sie schreiben, sprechen und sehen. Europäische Unternehmen wie Mistral, die hier leistungsfähige eigene Modelle entwickeln, sind unverzichtbar, um in diesem Bereich souverän zu werden.

Doch der internationale Wettlauf um die nächste Phase hat bereits begonnen: Intelligenz verlässt den Bildschirm und beginnt in der physischen Welt zu handeln. Autonom agierende Maschinen heben Lasten in Fabriken, bewegen Waren in Lagern, unterstützen Pflegekräfte oder helfen in der Landwirtschaft. Bald werden sie so selbstverständlich in unseren Wohnungen landen wie einst der Personalcomputer. KI wird Maschinen in die Lage versetzen, jede denkbare Umgebung wahrzunehmen, zu verstehen und sich darin autonom zu bewegen. Vernetzte Physical AI wird der Gesamtgesellschaft einen Produktivitätszuwachs bringen, den wir uns heute noch nicht wirklich vorstellen können.

Physical AI ist ein Gesamtsystem

Doch mit Physical AI verändert sich auch die Struktur des globalen Wettbewerbs. Rechenpower und Softwareplattformen bleiben Schlüsselfaktoren, sind aber nicht mehr allein entscheidend. Es geht um die Verbindung von Sensorik, Mechanik, Mikrochips, Energie, Daten, Modellen und skalierbarer Fertigung. Und es geht um Kapital. Nur wer all diese Disziplinen zusammenbringt, kann auch ihr vertrauenswürdiges Zusammenspiel bei Physical AI gewährleisten.

Europa hat die Teile. Andere bauen Systeme.

Die USA haben gezeigt, wie man in der digitalen Welt Plattformen baut und ganze Märkte erschafft. China demonstriert, wie sich industrielle Ökosysteme in großem Maßstab aus dem Boden stampfen lassen. Europa hat sich zwischenzeitlich zum Nischenspezialisten und Anwender entwickelt. Das ist zwar eine zugespitzte Formulierung, sie spiegelt aber die öffentliche Debatte um Wirtschaftskraft und Souveränität wider.

Das Rennen um Physical AI wird weder vom besten Modell noch vom besten Chip oder Roboter allein gewonnen. Entscheidend ist, wer daraus ein skalierbares Gesamtsystem baut, vergleichbar mit dem, was die Autokonzerne und ihre Zulieferindustrie in den vergangenen Jahrzehnten geschafft haben.

Die Automobilindustrie zeigt: Europa hat diese Fähigkeit und auch die Substanz. Was fehlt, ist das gemeinsame Ziel, aus vielen einzelnen Stärken ein System zu machen.

Frankreich verbindet eine überwiegend CO₂-arme Stromversorgung mit Recheninfrastruktur, einem wachsenden KI-Ökosystem und einer starken Luft- und Raumfahrtindustrie. Deutschland und Österreich bringen ihre Kompetenz im Maschinenbau, in Robotik und Automatisierung sowie bei Mechatronik, Sensorik, Antriebstechnik und Präzisionsgetrieben ein. Die Niederlande verfügen mit ihren EUV-Lithografiesystemen über eine Schlüsseltechnologie für modernste Halbleiter, Belgien ergänzt sie durch führende Chipforschung. Spanien und Italien stehen für hochautomatisierte Serienproduktion, Werkzeugmaschinen und industrielle Produktionsanlagen, Dänemark für kollaborative Robotik. Polen besitzt bedeutende Kapazitäten in der Batterie- und Elektronikproduktion und die industrielle Basis für große Stückzahlen. Und selbst das ist nur ein Ausschnitt der Fähigkeiten, die Europa zusammenbringen könnte.

Das gewachsene Know-how zahlloser kleiner und großer Unternehmen trifft auf eine exzellente und gut ausgestattete Forschungs- und Bildungslandschaft.

Europa hat nach meiner Beobachtung die beste Basis, um die globale Führungsrolle bei Physical AI zu übernehmen. Doch diese Basis liegt verteilt über Länder, Branchen, Strategien und Fördertöpfe. Zugleich bleiben einige Lücken: Wichtige Hochleistungschips kommen nicht aus Europa, zentrale Cloudplattformen werden anderswo kontrolliert und Scale-ups fehlt häufig Wachstumskapital. Dabei fehlt es nicht grundsätzlich an Geld oder technischer Fähigkeit. Wir bringen jedoch selten beides schnell genug zusammen.

Die Arbeit geht uns nicht aus. Die Menschen schon.

Physical AI ist für uns nicht nur eine Chance, sondern eine Notwendigkeit. Unsere Bevölkerung wird älter, während der Anteil der Menschen im Erwerbsalter sinkt. Trotzdem wollen wir unseren Wohlstand, unsere Gesundheitsversorgung, unsere Renten und unsere Lebensqualität erhalten. Das gelingt nicht, wenn immer weniger Beschäftigte einfach immer mehr tragen sollen.

Bildung, Umschulungen, Migration, bessere Arbeitsbedingungen und gute Arbeitsanreize bleiben unverzichtbar. Und dennoch werden die Personallücken bei gefährlichen, monotonen und körperlich zermürbenden Arbeiten zunehmen. Deshalb brauchen wir intelligente Maschinen, die Lasten heben, Material bewegen und Routine übernehmen. Wenn das den Menschen mehr Zeit für Verantwortung, Kreativität und Zuwendung freimacht, wird Physical AI eine Schlüsselantwort auf Europas demografische Zukunftsfrage sein.

Ohne europäische Kunden gibt es keine europäischen Champions

Aus der ersten KI-Welle, also den großen Sprachmodellen, können wir eine einfache Lehre ziehen: Es reicht nicht, wenn Europa Ideen produziert. Grundlagenforschung und hervorragende Technologie allein erzeugen noch keine wirtschaftliche und technologische Souveränität. Selbst wenn einige gute Start-ups entstehen, wird ihre Technologie erst global relevant, wenn sie in industriellem Maßstab eingesetzt werden kann.

Europa darf nicht Milliarden in KI, Robotik und Halbleiter investieren und die skalierten Produkte für Millionen Menschen anschließend anderswo einkaufen. Wenn europäische Steuerzahler Innovation finanzieren, müssen europäische Unternehmen auch eine faire Chance bekommen, ihre Technologie in unseren Fabriken, Infrastrukturen und öffentlichen Projekten einzusetzen. Gemeinsame Testfelder, verlässliche Erstaufträge und eine strategische Beschaffung können dafür den Anfang machen.

Natürlich soll daraus kein Schutzraum für mittelmäßige Produkte entstehen. Europa wird nur mit offenen Schnittstellen, echtem Wettbewerb und globaler Zusammenarbeit stark. Aber Offenheit darf nicht länger bedeuten, dass wir die Entwicklung von Technologien finanzieren und ihre Skalierung anschließend anderen überlassen.

Europas Industrie kann zum Trainingszentrum der Robotik werden

Wenn der Stein einmal rollt, entsteht ein System, das sich selbst befeuert. Mit jedem realen Einsatz für Physical AI entstehen wichtige Erfahrungsdaten in der physischen Welt. Was ChatGPT aus dem Internet lernen konnte, findet ein Roboter dort nicht in vergleichbarer Form. Denn er muss lernen, wie sich ein unbekanntes Objekt anfühlt, wie viel Kraft ein Material verträgt oder was bei einem Fehler wirklich geschieht. Die europäische Industrie hat aufgrund ihrer hohen Standards und ihrer Vielseitigkeit das einmalige Potenzial, zum Trainingszentrum und Skill-Lieferanten für die Robotik-Weltwirtschaft der nächsten Generation zu werden.

Aus europäischen Stärken muss ein gemeinsamer Start werden

Frankreich und Deutschland können den Anfang machen. Denn irgendjemand muss anfangen. Und dann kommt Europa dazu.

Diese Gruppe ersetzt natürlich weder demokratische Entscheidungen noch eine europäische Strategie. Aber sie kann den Übergang von einer Zeit der Absichtserklärungen in den Aufbruch markieren und aufzeigen, was möglich ist.

Das Rennen hat gerade erst begonnen

Als ich NEURA vor sieben Jahren gründete, hatten wir nicht alles, was wir für unsere Vision brauchten. Wir hatten ein Team von etwa 20 Leuten, ein klares Ziel und den Entschluss, den ersten kognitiven Roboter zu bauen, den man kaufen kann. Meine Überzeugung war immer, dass man loslegen muss, auch wenn noch nicht alles klar und vollständig erscheint.

Der Startschuss zum Rennen um Physical AI ist gerade erst verhallt. Noch lange ist nicht entschieden, wer System, Markt und Standards prägen wird. Wir dürfen uns jetzt nicht schon zum Verlierer erklären.

Verbinden wir lieber unsere Stärken, schaffen wir einen Markt und beginnen erste gemeinsame Projekte. Jetzt.

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